Ringdrossel
Ringdrossel

Brachvögel und "Osterrehe"

Wollmatinger Ried und Mattnau

Brachvögel und Oster-Rehe am Bodensee

Ostern 2012 im Wollmatinger Ried und auf der Mettnau.

Der Bodensee mit seiner reichhaltigen Vogelwelt speziell am Südwestufer wurde unser Ziel. Die bekannte Vogelwarte Radolfzell und das Wollmatinger Ried gelten als ausgewiesene Eldorados für Ornithologen.

Da unsere ornithologischen Touren auch in der Nähe einen gewissen Fernwehcharakter atmen, entscheiden wir uns für die Fähre Meersburg-Konstanz. Die Frieda (unser Navi) hat uns über A 99 und A 96 und B 31/33 Richtung Meersburg gelotst. Bei Leutkirch pausieren wir und laufen hoch zur Autobahnkirche St. Gallus. Es gibt in diesem April 2012 genug gute Gründe, um nicht nur eine, sondern mehrere Kerzen anzuzünden.

Fähre
Auffahrt auf die Fähre

Wehte uns bei der Plattform der Autobahnkirche noch kalter Wind um die Ohren, werden Wetter und Vegetation hinter Lindau und Richtung Friedrichshafen zusehends frühlingshaft. Auch Magnolien, Forsythien und Weißdorn haben schon Frühlingsgefühle und die Knospen geöffnet. Die Rebstöcke der Weinberge bilden ein grafisches Muster auf den weichen Abhängen über dem See. Löwenzahn, bei uns im Ebersberger Land noch in den Startlöchern, wächst als gelbe fette Tupfen zwischen den Rebenzeilen.
Immer wieder machen Schilder Werbung für Bodenseewein und Bodenseefische. Wir werden uns sicher zumindestens letztere am Abend schmecken lassen. An der Meersburg vorbei windet sich die Straße hinunter zum See, der blaugrau und glatt unter uns glänzt. Die Berge sind wolkenverhangen. Aber: Schau da: Hier gibt es sogar Palmen, wenn auch in Kübeln. Mit dem spiegelglatten See im Hintergrund, dessen Schweizer Ufer im Dunst verschwimmt, lassen diese Palmen ein mediterranes Feeling aufkommen.
Wir fahren direkt auf eine der Wartespuren und werden weitergewinkt auf die abfahrbereite Fähre. Die Fahrt dauert gerade mal 15 Minuten. Und bereits eine Stunde später parken wir unseren Grus Grus auf dem Parkplatz der Pension Perlmuschel auf der Halbinsel Höri.

Der Steg
Der Steg

Hier, direkt am Anleger in Iznang mit funkelnagelneuem Steg mit Blick nach Radolfzell liegt das nette kleine Kaffee, dessen Terrasse an diesem Karfreitag nachmittag von Fahrradfahrern frequentiert ist. Die Sonne blinzelt zunächst durch die Wolken und fängt dann breit an zu strahlen und den Himmel blau zu malen. Vom Holzsteg des Schiffsanlegers aus beobachten wir den Tanz der Haubentaucher und eine schwarzweiße Reiherente, sprich Reihererpel, der am sandigen Untergrund des Sees mit seinem breiten Schnabel nach kleinen Schnecken pflügt. Das Wasser ist so klar, dass wir ihm länger mit den Augen folgen können, von oben aus betrachtet sieht es fast so aus, als ob hier ein Pinguin tauchen würde.
Unser Abendessen besteht aus Fisch vom Bodensee. Allerdings – auch wenn wir nicht wie die Reiherente den Seegrund absuchen müssen, gestaltet sich doch die Suche nach dem Fisch zum Abendessen relativ schwierig. Das liegt an der Gasthofsituation. Offensichtlich haben an diesem Abend auch noch viele andere Leute Appetit auf Fisch und wollen auswärts essen.
Doch mittels Gästeinfo von der Höri , Handy und Navy gelangen wir an diesem Abend noch zu Felchenfilets in Bärlauchbutter und gebratenem Hechtfilet.
Satt, müde und zufrieden gehen wir früh schlafen und gewinnen so unsere 9-10 Stunden Erholungsschlaf. So gestärkt treten wir am nächsten Morgen zum Frühstücksmarathon an, denn was unsere Gastgeberinnen in der Perlmuschel auftischen, ist ein “Synästhetisches“ Erlebnis mit frischem Brot, Semmeln, Käse, Wurst, Marmeladen, auf den Punkt zubereitetem Frühstücksei.  Mit dieser Basis, die den ganzen Tag vorhalten dürfte, starten wir zu unserem ersten Etappenziel des Tages, der Halbinsel Mettnau. Hier können wir von einer Plattform Bisamratten, Zwergtaucher, eine abfliegende Rohrweihe und jede Menge Enten beobachten.

Graureiher
Rötelmaus

An der Kurklinik vorbei gelangen wir zum Nabu-Zentrum und weiter durch einen frühlingshaften AuenUrwald zum Bodenseestrand. Das Tor zum eigentlichen Kernbereich des Vogelschutzgebietes ist an diesen Wochenende noch offen, wird aber ab Mitte April zum Schutz der Gelege geschlossen, schließlich wollen die Eier in Ruhe bebrütet werden. Unter Zweigen und an Baumwurzeln sehen wir außerdem jede Menge Rötelmäuse Versteck spielen. Für sie sind die kleinsten Äste groß wie Baumstämme und die Stämme der Erlen in ihrem Revier wie riesenhafte Hochhäuser oder Felswände.
Wir laufen auf einem weichen Rasenpfad zwischen manns- und frauhohen Schilfpflanzen bis zur Spitze der Mettnau. Auf einer Baumwurzel, die malerisch als Biobank drapiert ist, rasten wir und schauen über die glatte blaugraue Wasserfläche. Kleine Wellen glucksen leise, der See liegt in silbrigem Morgennebel.
Langsam erwachen wir aus dieser Bodenseetraumansicht und machen uns gemütlich auf den Rückweg. Es ist kurz vor 12 und wir wollen dem Markt in Radolfzell noch einen Besuch abstatten. Käsehäppchen probieren, Naschtomaten kaufen, für Lutz eine Bratwurst und für uns beide Cappucino gehören zur Mittagspause. Auf der Rückfahrt zur Höri halten wir beim Getränkemarkt und versorgen uns  noch mit Sprudel und Johannisbeernektar für Unterwegsschorle und machen in unserem Zimmer in der Perlmuschel Mittagsruhe.

Osterrehe und Brachvögel
Die "Osterrehe" und im Vordergrund Brachvögel

Denn nachher geht es ja mit der Nabu-Wanderung in die zweite Runde. Dass Uta die morgendliche Wanderung gut bewältigt hat, als längste Wegstrecke seit der OP ( super, denn eine gute Woche nach der OP war gerade der Weg zur Haupthalle der Klinik drin und eine Rückkehr nur im Rollstuhl ), sind wir optimistisch und auch die Nachmittagswanderung wird bravourös gemeistert. Die Highlights – O-Ton Lutz „Hicklickts“ – sind die großen Brachvögel, die zu ca. 50 Exemplaren etwa 150 m entfernt in der Wiese auf Nahrungssuche sind  - mit ihren pinzettenscharfen und gebogenen Schnäbeln stochern sie nach Kleinstlebewesen.  

Großer Brachvogel
Großer Brachvogel

Und bei unserem Blick auf die Brachvögel werden wir auf mehrere Paar hellbraune pelzige große Ohren hinter einer Bodenwelle aufmerksam. Als das dazugehörige Tier aufsteht, ist klar: Nicht der Osterhase, sondern das Osterreh ist hier aktiv. Ja, sogar insgesamt 20 "Osterrehe" weiden hier. Davor die Brachvögel.  Ein Wildniseindruck, der zumindest bei München so nicht zu sehen sein wird. Brachvögel brauchen zum Wohlfühlen Marschgebiete und weite Steppenlandschaft wie in der Mongolei oder auch in Island.

http://www.nabu.de/aktionenundprojekte/vogeldesjahres/1982-dergrossebrachvogel/

Mettnau
Mettnau

Im Gänsemarsch stapfen wir mit ca 15 anderen Leuten im Schlepptau der Nabu-Praktikantin durch das Marschland – die Magerwiesen mit dem sich hindurch schlängelnden Pfad sind sonst für Besucher gesperrt, damit Bodenbrüter und seltene Pflanzen unbehelligt bleiben und auch die Rast – und Ruhezonen vieler Zugvögel im Frühjahr und Herbst ungestört sind. Auch wenn das Wollmatinger Ried durch die heranrückende Stadt und die dahinter verlaufende und im  Ausbau befindliche B 33  und die nahegelegene Mülldeponie auf uns etwas abgeschnürt wirkt, ist es doch nach wie vor ein eminent wichtiger Brut und eben Rastplatz auch für seltenere Vogelarten. Ein Schwarzmilanpärchen streicht über uns hinweg.Von ferne beobachten wir Grünschenkel einen Kiebitz und Brachvögel, die im Uferschlick des Sees nach Nahrung suchen.  Die Seeschwalben hingegen haben ihre Nistplätze auf schwimmenden Inseln noch nicht bezogen. Bei Einbruch der Dunkelheit kehren wir nach diesem vogelreichen Tag zurück in unser Quartier und schlafen dem Ostermorgen entgegen.

Schwanzmeise
Schwanzmeise

Am Ostersonntag, dem 8.4. begrüßt uns  unser persönliches Osternest auf dem Frühstückstisch ( ja ja, die "Osterrehe" ) mit Schokohasen, nicht Reh und bei Aprilwetter mit Schneeschauern fahren wir so gestärkt nach Konstanz. Dort sitzen wir nach dem Ostergottesdienst in einem gemütlichen Cafe  bei Latte Machiato. Nachdem die Sonne dann auch wieder hervorblinzelt, doch nach wie vor ein frischer Wind weht, fällt unser Spaziergang zum Hafen eher kurz aus, Wir beschließen, chinesisch essen zu gehen und dann nochmals die Brachvögel im Wollmatinger Ried zu besuchen. Die Brachvögel stehen diesmal auf der anderen Seite des noch für die Öffentlichkeit zugänglichen Weges, der von der Kläranlage in Konstanz und dem Seerheinufer verläuft. Auch die"Osterrehe " äsen in einer großen Herde direkt neben den Brachvögeln. In den Büschen schwirren Schwanzmeisen, die an einer Baumgabel direkt am Weg ihr Nest gebaut haben. Als wir nach diesem Osterspaziergang zurück in die Perlmuschel kommen, sitzen wir noch im Cafe, um unsere Photos auf die Laptops zu laden und die zwei inhaltsreichen Tage nochmals vor Augen zu führen. Da wir am nächsten Tag ja noch viel vor haben, gehen wir auch diesmal früh zu Bett.

Mönchsgrasmücke
Mönchsgrasmücke

Ostermontag: Der frühe Vogel fängt den Wurm … nach diesem Motto zieht es uns wieder zur Beobachtungsplattform auf der Mettnau. In der Nacht waren die Temperaturen auf Minusgrade gefallen, das Schilf ist bereift und die Natur bringt sich erst langsam auf „Betriebstemperatur“. Wir hatten ja gehofft, die auf einer Infotafel genannte Wasserralle zu sehen, aber entweder gibt es diesen Vogel hier nicht mehr oder ihm ist um die Uhrzeit noch zu kalt. Nachdem wir auch allmählich auskühlen, laufen wir weiter bis zu dem Strand, den wir schon Samstag besucht hatten und genießen die magische Morgenstimmung. Auch der Appetit auf Frühstück meldet sich um diese Uhrzeit und wir haben Mitgefühl mit den Rötelmäusen, die diesmal sicher noch in ihren Höhlennestern der Kälte trotzen müssen, ohne Frühstück.

Fuchs
Fuchs
Ist es gefährlich für die Mäuse, mit klammen Gliedern nach draußen zu klettern, um irgendetwas Freßbares zu finden? Sind sie leichte Beute für die Nachtjäger? Auch den Fuchs sahen wir an diesem Morgen unweit des Mettnau-Turms über die Wiese schnüren

.
Durch das Morgengrau fahren wir unserem bunten Frühstückstisch entgegen. Wir stärken uns für die Fahrt zurück nach Grafing. Auch diesmal geht es schnell am Fähranleger. Wir sind eines der letzten Autos, das noch auf die Fähre gewunken wird. Gut, bei dem regen Fährpendelangebot hätten wir auch sonst nicht allzu lange warten müssen, aber es ist trotzdem ein erfreuliches Spannungsmoment.

Bodensee
Bodensee

Am Oberdeck sehen wir hinüber zu den Schweizer Bergen, die verschneit ein Islandpanorama in uns wachrufen.

Der weite See, die verschneite Bergkette, das erinnert uns an den Blick auf die Bucht von Akureyi in Island beim Fährhafen Dalvik (siehe Islandreise 2006).

So  hat dieser Osterurlaub am Bodensee unser Fernwehgefühl bereits in der Nähe einerseits ein Stück weit gestillt, andererseits auch den Wunsch nach Aufbruch nach neuen Ufern geradezu in uns hinein gepflanzt.